Tun, ohne vorher zu wissen

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Ich liege, nach einem Tag Theaterproben, auf dem Bett in meinem Gästezimmer. Stückentwicklung. Wir haben keine fertige Textfassung, sondern arbeiten aus der Improvisation heraus, mit unterschiedlichem Material. Meine Aufgabe in dem Projekt ist die Regie. Es wird die Frage nach Zusammenhängen laut, nach Klarheit. Wer bin ich? Welche Aufgabe habe ich in welcher Szene und mit welchem Text? Worum geht es überhaupt? Fragen der SchauspielerInnen. Die Antworten zeigen sich mir, dem Regisseur, aber erst dann, wenn die SchauspielerInnen auf der Bühne etwas tun. Dilemma?

Ich denke an meine Kinder und stelle mir vor, wie sie wohl in 20 Jahren aussehen werden. Nicht mehr wie jetzt. Ideal gesprochen: Sie selbst, werden sie sein. Das sind sie aber auch schon heute. Was ist Entwicklung? Sie geschieht von Innen nach Außen.

Ich kann als Regisseur nur ein Umfeld schaffen, welches Entwicklung begünstigt. Es scheint, als schliesse das mit ein, das nicht wissen zu ertragen. Die Fragen unbeantwortet zu lassen. Den SchauspielerInnen zuzumuten: Tun, ohne vorher zu wissen. Ich merke nämlich, dass die Antworten, die ich von außen gebe, den Entwicklungsraum mit etwas an Stelle dessen füllen, was sich von Innen zeigen will. Das möchte ich nicht.

Gibt es “zu viel Freiheit”?

Freiheit kann ich Ihnen nicht geben, kann ich die SchauspielerInnen aber “frei lassen”?

Wann fühle ich mich frei? Wenn ich mit dem Gegebenen spielen kann. Es braucht ein Gegebenes, eine Festlegung, einen Rahmen, einen bewussten Entschluss. Spielt es eine Rolle, wer oder was mir dieses gibt? Solange ich damit spielen kann: nein!

Die SchauspielerInnen spielen mit dem, worauf sie sich selbst festlegen. Vorher scheinen sie jedoch lange darauf zu warten- fordern es sogar ein, dass ich etwas für sie festlege. Wenn ich das tue, spielen sie damit meistens aber nicht. Also lasse ich es sein. Halte es aus und mute es Ihnen zu: Tun, ohne vorher zu wissen!

Nachtrag:

Wenn die SchauspielerInnen- mit ihren Handlungen- zuerst etwas auf die Bühne stellen, kann ich als zweiten Schritt oft einen Rahmen oder Impuls dazu geben, der das Spielen der SchauspielerInnen bereichert. Gestört wird ihr Spiel, wenn sie ohne eine selbst gewählte Festlegung auf die Bühne kommen und ich den ersten Rahmen setze. Dann landen sie oft in Anpassung, versuchen meine Vorgabe zu erfüllen und spielen nicht.

Was denkst Du- liebe/r Leser/in- darüber?

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