Was ist eigentlich wesentlich?

“Es ist Zeit, bewusst zu spielen!”

Dieses Motto steht über meiner Webseite und ich frage mich- angeregt durch die Ereignisse und Gespräche rund um Corona- was ist eigentlich wesentlich für mich?

Am 20. März 2020 schicke ich einem guten Freund “alternative” Informationen zu Corona, einen Tag später bekomme ich die Antwort: “(…) ich finde es ganz schön peinlich und unverantwortlich von Dir, dass Du dich an derartigen Verschwörungstheorien beteiligst (…)”.

Ich stehe im Austausch mit vielen Menschen. Deren Sicht auf die Dinge, ihre und meine Fragen und Vermutungen, es kommt mir vor wie als landeten alle diese Momentaufnahmen in einem großen Schmelztiegel. Sie schmelzen und schmelzen und ich merke, es wird die Frage immer relevanter: Was ist eigentlich wesentlich für mich? Lässt sich das intellektuell überhaupt fassen?

Jemand sagt zu mir: “(…) Deine Frage ist: Wie komme ich selbst dorthin, so dass ich anderen Menschen viele Stunden lang zuhören kann ohne zu gehen, ohne zu diagnostizieren, ohne
einen Impuls sie zu unterbrechen? (…)”

Mir gefällt dieser Hinweis. Kann ich ihn auch auf mich selbst anwenden und auf meine Frage nach dem Wesentlichen? Ist es Angst, die mich zu diesen Fragen treibt?

Ich bekomme gesagt: “(…)Wenn Menschen Angst haben, braucht man ihnen stundenlang zuhören, damit sie überhaupt etwas aufnehmen können. Und es geht nicht darum, zu hören, was sie sagen, aber auf das Herz und das Mitgefühl zu hören, bis sie fertig sind, nicht wenn man selbst will, dass sie da sind oder wenn man selbst damit fertig ist … aber wenn sie selbst zur Stille und Ruhe in sich selbst gekommen sind. Dann können Sie auch zuhören. (…)”

Ich praktiziere dies als Übung und merke, wie sich der Kontakt zu anderen für mich dadurch freier anfühlt. Wenn ich alleine bin, taucht wieder die Frage auf: was ist für mich wesentlich? Ich möchte der Frage in mir Raum geben.

Doch wohin lauschen? Auf meine Gefühle, mein Herz, auf meine Gedanken, Intuitionen? Die offiziell verhängte Kontaktsperre gibt mir Zeit für solche Fragen. Entsteht durch die Kontaktsperre nun mehr Kontakt? Ein Freund zitiert mit einem Augenzwinkern Goethe´s Mephisto: “Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.”

Doch die Frage nach dem was richtig und falsch, gut oder böse ist, wird heiß umkämpft. Was gestern noch normal war, wird heute in Frage gestellt. Was morgen normal sein wird, wissen die allerwenigsten.

Charles Eisenstein schreibt im März in seinem Essay “The Coronation”:

“(…) Covid-19 ist wie eine Reha-Intervention, die den süchtig machenden Halt der Normalität durchbricht. Eine Gewohnheit zu unterbrechen, bedeutet, sie sichtbar zu machen; es bedeutet, sie von einem Zwang zu einer Wahl zu machen. Wenn die Krise abklingt, haben wir vielleicht Gelegenheit, uns zu fragen, ob wir zur Normalität zurückkehren wollen, oder ob es etwas gibt, das wir während dieser Unterbrechung der Routinen gesehen haben, was wir in die Zukunft bringen wollen. (…)”

Meinem Freund, der mich der Beteiligung an Verschwörungstheorien bezichtigte, leite ich das Essay von Eisenstein weiter. Er antwortet darauf: “Spannender Text. Bin nicht immer ganz mit ihm auf einer Linie, aber der Text weitet auf wohltuende Weise mal etwas den Blick!”

Er ist nicht der Einzige, dem ich das Essay und andere Stellungnahmen zum Thema Corona weiterleite. Einige bedanken sich für die Links, geben mir aber zu verstehen, dass sie interessiert wären meine Gedanken zu hören, mehr noch als die von Menschen, die sie nicht persönlich kennen. Ich verstehe das. Was also denke ich? Ich leite die Gedanken anderer weiter, ich spiele damit als wären es meine. Ich frage mich: Was ist eigentlich wesentlich für mich?

Jemand anderes Antwortet mir auf das Essay von Eisenstein:

“Wie ich finde eine sehr gute Analyse. Aber auch wieder EIN Aspekt. Grundsätztlich verbleibt der Artikel in materialistischen Erklärungen. (…) Das 21. Jahrhundert, so stelle ich mich ein, ist das Jahrhundert, in dem es in allen wichtigen Fragen keine einfachen Wahrheiten gibt. Und in den schwierigen Fragen wird es so sein, dass man zwischen mehreren Antworten oder Wegen wählen kann, die letztlich alle mehr oder weniger falsch sind. Das wird vermutlich das Charakteristikum des 21. Jahrhunderts werden. Schon vor 100 Jahren wies Rudolf Steiner darauf hin, dass alle Ideen, die wirklich fruchtbar´sein sollen, von der “anderen Seite der Schwelle” geholt werden müssen. Denn dort liegen die Impulse der Zukunft. Das bedeutet, dass wir, konsequent gesprochen, auf fast gar nichts zurückgreifen können, was es schon gibt (…)”

Ich bestelle mir ein Buch, in welchem das Phänomen “Verschwörungstheorien” psychologisch untersucht wird. Es beginnt mit einem geschichtlichen Abriss, welcher bei der sumerischen Schöpfungsgeschichte beginnt. Die jungen Götter haben heimlich Marduk auserkoren, die Welt neu zu ordnen und eine neue Kultur aufzubauen: Eine Verschwörung gegen die Urmutter Tiamat und gegen Abzu, den “Ausgang von allem”. Es spielen, so wird in dem Buch berichtet, schon in den ersten schriftlich überlieferten Texten der Menschheit Verschwörungen eine wichtige Rolle. Etwas später heisst es dann im Buch: “(…) Wenn die Religion ihren Allmachtsanspruch verliert und Geschehnisse nicht mehr auf Götter zurückgeführt werden, werden ihre Erklärungsmuster trotzdem beibehalten. Praktisch allmächtige Menschen werden dann anstatt der Götter zu Strippenziehern.” (Aus: “Am Anfang war die Verschwörungstheorie”, Springer-Verlag).

Was denke ich über Corona, über die verhängten Maßnahmen, über die Statistiken über Lebende und Tote? Was ist eigentlich wesentlich?

Deep State, Verschwörungstheorien, Götter und Ideen von der “anderen Seite der Schwelle”- die Welt gerät in´s Wanken, Normalität bekommt Risse, Ansichten, Meinungen, Fragen, der intellektuelle Kampf selbst wird in seinen Fundamenten geschüttelt. Ich frage mich, was für mich wesentlich ist. “Ich merke, wie wenig ich tatsächlich weiß” sagt ein Freund zu mir auf einem Spaziergang zu zweit. Das gilt auch für mich. Wir sprechen über Geburt und Tod und das Leben im Großen und Ganzen.

Eine Freundin schickt mir ein Video. Es geht um eine Anklage aus Kalifornien gegen Google, Facebook usw. Der Vorwurf ist grob gesagt: Ihr zerstört die Menschheit mit künstlicher Intelligenz.

Ich leite das Video an jemanden anderes weiter. Die Antwort:

“Ja, der Deep State ist Realität, auch die Bemühungen von China zur Unterdrückung von Menschen in ihrem Land und auch in anderen. Um es mit Faust zu sagen: Das ist ein guter Mephisto! Welche Rolle wählst du? Faust, Wagner oder Gretchen? Das Video ist ziemlich auf der Gretchenseite, denke ich. Lass uns den Teufel bekämpfen… Wagner merkt ihn nicht und Faust fordert ihn heraus! Heyda, versuch mich auszutricksen, du wirst das nicht schaffen… Faust wertet nicht, Gretchen schon. Deswegen ist sie im Himmel dann eine Büßerin.”

Da ist es wieder: Wahrnehmen, Zuhören, ohne zu analysieren, ohne zu bewerten. Mir gefällt das. Und ich merke, dass in mir ein Bedürfniss wächst. Bei immer größerer, dynamischer Komplexität, brauche ich ein Werkzeug mit welchem ich mich in dieser bewegen kann. Ich brauche einen festen Boden auf dem ich ruhen kann. Ich brauche ein bewegliches und klares Denken.

Ich lese ein Zitat von Bernard Lievegoed. Die Zeit zwischen 2020 und 2040 ist laut ihm die ungefähre Zeitspanne von Kämpfen um die zivilisatorische Zukunft Europas.

„Ich schätze, daß der Tiefpunkt des Kampfes zwischen 2020 und 2040 liegen wird. Dann werden sich Abgründe von Dämonie öffnen. Der Nationalsozialismus und der Bolschewismus werden dagegen verblassen. Millionen werden dabei zugrundegehen. Aber es werden auch Millionen Widerstand leisten.“ (Bernard Lievegoed)

Ich leite das Zitat an jemanden weiter und bekomme die Antwort: “(…) Es wirkt auf mich wie ein Weisheitssatz oder etwas Zusammengesetztes. (…) Das Wort Widerstand deutet für mich auf einen Gedankenfehler hin.”

Gedankenfehler, Wiedersprüche. Der Kampf gegen ein Virus. Corona-Partys. In diesen Tagen sagt der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf : “Ich habe eine Botschaft für junge Leute, Ihr seid nicht unbesiegbar.”

Besiegbar? Von wem? Warum?

Und ständig die Möglichkeit missverstanden zu werden. Zusammenhänge werden gefunden, hergestellt und auseinandergerissen. Wer ist “gegen wen” oder “mit wem” und was meint mein Gegenüber? Was ist eigentlich wesentlich für mich? Und für Dich?

Ich denke an Julian Assange und daran, was er gerade durchmacht. Ich denke an Edward Snowden und seine Enthüllungen. Alles Symptome, Aspekte. Was geschieht wirklich und was davon ist mir bewusst? Bei allem Ernst möchte ich doch weiter spielen, Mensch sein!

Eugenio Barba schickt einen Brief:

“Dear Odineers,
wherever you are, my thoughts come to you to do nothing together. If art is an unsettling experience that perturbs the individual, and makes him/her think about his/her condition, then the times we are living are artistic times. Every art is artificiality and it shows itself as a way of think and act that doesn’t correspond with usual criteria and behaviours. The painter mixes intuitively the colors and calculates the brush caresses in a dance guiding him close and far from the canvas, from which life emerges. With a foot, the ceramist causes the vortex of the wheel that turns the clay, and through the delicate but firm pressure of the single fingers, the whole body molds the precision of the void in a vase, a cup, a bowl.
We live a stunning reality that forces us to radically change our rhythms, paths and simpler ways of being and regulating ourselves. Some of us experience it as a restriction, others as a moment of freedom and self reflection.
In one of these moments of freedom, letting my thoughts fly, I found myself in Bari in 1943 at the time of WWII. My father was agonizing in bed, my mother wiping his sweat with a towel, and I, a seven-year-old boy, went down the street to beg. I used to do it often at that time, because I was hungry and there was nothing to eat at home.
That day a man with a oversized military coat stood still in the street and called in a melodious and strong voice:
BAMBINIIIIIIIIIII, BAMBINIIIIIIIIIII, BAMBINIIIIIIIIIII, BAMBINIIIIIIIIIII (=children).
Passersby looked at him amazed. Me too. The man smiled at me, put his hand in the pocket and offered me a candy. Then he turned and left. He was one of many drove-crazy soldiers who wandered trying to return home after the disintegration of the army and the abyss in which the country had fallen.
Whenever the world seems to collapse, I find that candy flavor in my mouth. And it makes me smile. It also happened this morning when I woke up and looked out the window. The fields, trees and the pond trembled with the thousands and thousands of butterflies that fluttered in the sun. Spring is coming – I whispered to myself. In a little while, the “artistic” times will be a memory and we will bask again in chronic life. A smile has rejuvenated my face.
I send it to you with a hug
Eugenio”

Danke Eugenio! Und danke allen anderen, mit denen ich im Gespräch sein darf! Für mich ist ein bewegliches und klares Denken wesentlich, denn ich ahne: Es ist Zeit, bewusst zu spielen!

Was denkst Du- liebe/r Leser/in- darüber?

One thought on “Was ist eigentlich wesentlich?

  1. Danke dir für diesen Gedankengang zu der “kunstvollen” Zeit, in der wir gerade leben. Ich habe ein wenig mehr Freude in mir… Gedanken sind wesentlich, denke ich, Gedanken, die ein eigenes Leben haben, Kraft, Gleichgewicht, Dauerhaftigkeit. Gedanken eben.

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